Tuesday, 4/8/2020 | 11:09 UTC+2
Circolo Svizzero

Ein Spital Pflegt die Kunst

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Interview von Rossana Dedola mit Sadhyo Niederberger, Konservatorin und Kunstbeauftragte am Kantonsspital Aarau, Schweiz

Das Kantonsspital Aarau besitzt eine grosse Kunstsammlung. Wie ist die Idee für das Spital entstanden, eine eigene Sammlung aufzubauen?

Das Kantonsspital Aarau existiert seit ca 130 Jahren. Seit den 1950-er Jahren haben ehemalige Direktoren und Professoren begonnen, Werke aus ihren Privatsammlungen dem Spital zu schenken. Das waren zusammen mit den ersten Kunst-und-Bau-Werken die ersten Werke der Sammlung. Dazu gehörten Fresken, Mosaike, Glasbilder, Skulpturen und weitere Werke, die noch heute präsent sind. Später kamen grosse Kunst-und-Bau-Aufträge, Resultate aus Wettbewerben, dazu. Vielleicht hast du im Hauptgebäude die drei Werkkomplexe der deutsch-französischen Künstlerin Gloria Friedmann gesehen: „Waldlied“ – der Birkenhain im Innenhof, „Einkehr“ – das Buchsbaumlabyrinth vor dem Haupteingang und die „Urahnen der Zukunft“ im Eingangsbereich. Bemerkenswert sind auch die grossen Fotografien des international bekannten und 2010 verstorbenen Fotografen Balthasar Burkhard vor dem Hörsaal oder die Werke von bekannten Künstlern wie Niele Toroni, Richard Tuttle oder Hugo Suter im Haus für Innere Medizin, die zeigen, welchen Stellenwert die Kunst in diesem Spital hat. Ich könnte viele weitere Werke im Park und in den Gebäuden auflisten. Parallel zu den grossen, oftmals mit der Architektur verbundenen Werken, wurde die Sammlung durch mobile Werke vergrössert, die heute die Gänge, die Patientenzimmer, die Ambulatorien, die Untersuchungszimmer und die Büros schmücken.

Ist das Kantonsspital Aarau eine Ausnahme oder besitzen auch andere Spitäler in der Schweiz eigene Kunstsammlungen?

Einige Privatspitäler verfügen über grosse eigene Kunstsammlungen. Doch bei den öffentlichen Spitälern nimmt Aarau schon einen speziellen Platz ein. Allerdings ist es so, dass in der Schweiz sehr viele Spitäler Kunst zeigen. So hat zum Beispiel das viel grössere Universitätsspital Zürich keine eigene Sammlung; die ausgestellten Werke werden aber von der kantonalen Kunstsammlung zur Verfügung gestellt und in einem regelmässigen Turnus ausgetauscht. Unsere Sammlung umfasst mehr als 3000 Werke; jedes Jahr werden neue Werke dazu gekauft, einzelne grössere Werke und dazu sehr viel Originaldruckgrafik. Was unser Spital aber auszeichnet, sind die Ausstellungen, die wir mit zeitgenössischen, professionellen Künstlerinnen und Künstlern machen. Dies im Gegensatz zu vielen Spitälern, die eine Plattform für Amateure zur Verfügung stellen. Unsere einzige Amateurausstellung ist die Jahresausstellung für Mitarbeitende, die es vielen ermöglicht, ihre Werke erstmals zu zeigen. Es ist eine Ausstellung, die integrativen Charakter hat und darum sehr positiv wahrgenommen wird.

Welches ist deine Rolle im Spital?

Ich kümmere mich um zwei Hauptbereiche, den konservatorischen und den kuratorischen Bereich. Der erstere beinhaltet alles, was mit der Sammlung zu tun hat, das heisst den Ankauf, die Ausstellung der Werke, die Archivierung, dazu gehört auch die Inventarisierung von Schenkungen. Als Kuratorin organisiere ich die oben erwähnten zeitgenössischen Ausstellungen und ich führe unterschiedlichste Projekte mit Künstlerinnen und Künstlern durch. So lancierte ich vor wenigen Monaten ein weiterführendes Musikprojekt, das zum Ziel hat, das Spital durch musikalische Performances an unerwarteten Orten zu bereichern.

Seit wann arbeitest du im Spital?

Ich arbeite seit 2008 als Kunstbeauftragte am Spital. Meine Vorgängerin, die die Stelle während 15 Jahren innehatte, hat sich vor allem auf den konservatorischen Bereich konzentriert. Als ich meine Arbeit hier antrat, fiel mir auf, dass viele Mitarbeitende eine negative oder abwehrende Haltung zur Kunst hatten. Die Kunst wurde als elitär empfunden und hatte nichts mit dem eigenen Erleben zu tun. Viele der Mitarbeitenden waren sich gewohnt, dass die vorherige Kunstbeauftragte ihre Abteilungen bebilderte, ohne sie um Rat zu fragen. Für mich war aber schnell klar, dass ich die Leute in den Prozess der Auswahl einbeziehen wollte. Das Bilderlager ist ein kleiner, vollgestopfter Raum im Untergeschoss eines der vielen Gebäude. Wenn eine Station oder eine ganze Abteilung neue Werke braucht, zum Beispiel nach einem Umbau, gebe ich ihnen die Möglichkeit, als Gruppe in das Lager zu kommen und die Bilder für ihr Grossraumbüro oder die Gänge gemeinsam auszusuchen. Das führt zu einem intensiven Austausch über Kunst, Ästhetik und Kultur, was die Teambildung fördert. Diese Form der Kommunikation hat meines Erachtens eine wichtige integrative Funktion.

So beinhaltet deine Arbeit auch den Bereich der Kunstvermittlung?

Als ich vor über zehn Jahren mit meiner Arbeitsweise anfing, kannten mich die Leute noch wenig, inzwischen denke ich, bin ich zu einer Ansprech- und Vertrauensperson für viele im Spital geworden. Wenn ich am Bilder aufhängen bin, spreche ich mit den Leuten, seien es die Angestellten, die Patienten oder die Besucher, und oftmals spüre ich, wie ich ein Fenster zu einer anderen Welt öffnen kann. So zeige ich, dass diese andere Welt nicht elitär sein muss, sondern dass jeder darüber reden kann, dass unterschiedliche Haltungen vertreten werden können und dass die eigene Wahrnehmung zählt. Es geht dabei nie um ein richtig oder falsch, jeder soll seine Meinung haben dürfen. Ich gebe dir ein Beispiel. Vor einigen Jahren wurde ein grosses Werk des Malers Urs Aeschbach angekauft und im Eingangsbereich der Frauenklinik ausgestellt. Der Ankauf wurde von mir vorgeschlagen und von der Kunstkommission und vom Chefarzt der Klinik beschlossen. Doch schon beim Aufhängen des Bildes nahm ich wahr, dass das Bild ambivalente Reaktionen provozierte und tatsächlich hörte ich schon zwei Wochen später von einer Pflegefachfrau „Hör einmal, dieses Bild gefällt mir nicht“. „Warum gefällt es dir nicht?“ „Ach, es ist so negativ!“ „Warum ist es negativ?“ „Ach, …. dies….. und das….“ Daraufhin konnte ich erläutern, dass mir das Bild sehr gefällt und zwar weil ich die Argumente die sie aufführte, gleich sah, aber genau gegenteilig interpretierte und was für sie negativ war, für mich mit Hoffnung erfüllt war und dass ich zwischen den kaputten, für sie negativ konnotierten Holzbalken die Öffnung auf den Horizont, das Licht, die Veränderung sah. Mein Gegenüber war ganz begeistert und als zwei weitere Krankenpflegerinnen vorbei gingen, rief sie die zu uns: „He kommt einmal, Sadhyo, erklär ihnen noch einmal, was du mir gesagt hast.“ Und so habe ich meine Sicht auf das Bild noch einmal dargelegt und am Schluss waren etwa zehn Leute da, die – auch wenn ihnen das Bild vielleicht immer noch nicht gefiel- doch sagen konnten: „Jetzt verstehen wir den Künstler und wir haben einen Zugang zum Bild“. Jetzt hängt dort zwar ein anderes Bild, aber es hing dort einige Jahre und hat viel Freude gebracht. Diese Episode hatte mir gezeigt, dass die Kommunikation sehr wichtig ist und dass über das Zuhören und den Dialog ein Zugang zu Kunst geschaffen werden kann. Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass ich offen für die Diskussion bin und dass ich kein Interesse habe, dem anderen eine Vision aufzudrängen, aber dass ich aufzeigen kann, wie ein Werk auch noch gelesen und interpretiert werden kann. In unserer visuellen Welt wird leicht vergessen, dass das Sehen auch gelernt werden kann und dass ich damit anfangen kann, mich mit dem Gesehenen zu konfrontieren und zu beobachten, was geschieht, wenn ich das Geheimnis eines Werkes zu ergründen versuche. So kann ich Verbindungen herstellen, Inhalte ergründen und je nach Art des Werkes können darin auch historische, wissenschaftliche, psychologische oder persönliche Bezüge erkannt werden.

Wie ist es, in einem Spital zu arbeiten? Niemand geht gerne in ein Spital.

Ein kunstinteressiertes Publikum in ein Spital zu bringen, ist wirklich schwierig. Zu Beginn meiner Anstellung habe ich enorm viele Ausstellungen durchgeführt, es waren bis zehn pro Jahr, doch damit habe ich bald aufgehört, denn das war zu viel für das Publikum. Jetzt mache ich nur noch zwei Ausstellungen pro Jahr und ich realisiere zudem kleinere und grössere partizipative Projekte. Die nächste Ausstellung eröffnen wir im Mai, ich habe dazu fünf Künstler und Künstlerinnen eingeladen, deren Werke einen Bezug zur Musik haben. Denn seit letztem September läuft das Musikprojekt „frisch bespielt – neue Klänge am Kantonsspital Aarau“. Einmal pro Monat spielt ein Musiker oder eine Musikerin an einem unerwarteten Ort im Spital, zum Beispiel in den unterirdischen Korridoren bei den Handwerkern oder in den Patientenzimmern. Für das Publikum, das sich per Zufall einfindet, ist die unverhoffte Musik ein Geschenk, eine Zäsur im Alltag. Diese Konzerte werden nur intern publiziert, so ist zum Beispiel vor kurzem eine Sopranistin mit einem Lautenisten aufgetreten und das kleine, von ihnen in Bann gezogene Publikum, ist ihnen durch das Spital und die verschiedenen Häuser gefolgt.

Es ist dir gelungen, das Personal, die Krankenpfleger und die Angestellten in deine Arbeit einzubeziehen, aber wie haben die Ärzte auf deine Arbeit reagiert, sind sie an deinen Kunstprojekten interessiert?

Ich beobachte, dass sehr viele Ärztinnen und Ärzte kunstinteressiert sind. Einige von ihnen sind selber Kunstsammler oder sie betätigen sich sogar selber künstlerisch. Bei ihnen renne ich mit meiner Arbeit offene Türen ein und es braucht wenig Überzeugungsarbeit. Ich fühle mich von den Ärzten sehr gut unterstützt und weiss, dass viele meine Arbeit schätzen. Viele der Chefärzte machen die Kunst zur Chefsache: sie wollen mitreden und sind stolz, wenn spezielle Werke in ihren Abteilungen ausgestellt sind.
Es gibt auch Beispiele von grosser eigener Initiative in Sachen Kunst: In der Radioonkologie hat zum Beispiel Professor Bodis den Kontakt zu zwei Künstlern genutzt um seine ganze Abteilung mit deren Werken einheitlich zu gestalten.

Welche Reaktionen lösen die ausgestellten Werke aus?

Ich komme noch einmal auf das im Hauptgebäude ausgestellte Werk von Gloria Friedmann zu sprechen. Die mehrteilige, grossformatige Arbeit wurde 1992 im Rahmen eines Kunst-und-Bau-Wettbewerbes von einer Fachjury ausgewählt und für das Kantonsspital realisiert. Das Werk besteht aus drei Teilen: das Labyrinth aus Buchsbaum, das vor dem Haupteingang ein lustvolles Erkundungsfeld für kleine Kinder darstellt. Der Birkenhain im Innenhof, der von Frühling bis Herbst Schatten spendet und zum Verweilen einlädt. Dazwischen, im Eingangsbereich, riesige Materialientafeln aus verkohltem Holz, schwarzen Rabenfedern, getrockneter Erde und vielem mehr. Diese Tafeln waren von Anfang an der Stein des Anstosses. Für viele Leute waren sie der Beleg, dass die von Kunstexperten ausgewählte Kunst nichts für die gewöhnlichen Leute ist. Entsprechend heftig waren die Reaktionen damals in den Medien und im Spital. Heute werden diese Tafeln mit viel mehr Gelassenheit angeschaut und selten regt sich noch jemand auf. Die Wahrnehmung der Kunst hat sich verändert und die Tafeln sind zu einem integrativen Teil der Architektur geworden.

Aber wie interpretierst du dieses Werk von Gloria Friedmann, was wollte die Künstlerin ausdrücken?

Diese Werke müssen im Geist jener Zeit vor fünfundzwanzig Jahren gelesen werden. Die Künstlerin wollte sich sicherlich mit dem Leben und dem Tod des Menschen auseinander setzen; das Labyrinth als Symbol des Lebensweges und die unterschiedliche Zeit, die jeden Weg begrenzt. Die Zeit wird zudem explizit erwähnt: im Innersten des Labyrinthes stösst man auf einen Amethysten mit dem eingravierten Wort „Zeit“. Der Birkenhain trägt den Titel „Waldlied“, auch da gibt es ein Innerstes: ein rotes, von Efeu umranktes Häuschchen aus dem ursprünglich Nachtigallengesang ertönte. Allerdings wurde diese Sound-Installation vor einigen Jahren entfernt, da das repetitive Pfeifen störte. Die „Urahnen der Zukunft“ sind aus den Materialien gefertigt, die vom Menschen gebraucht und entwickelt wurden, auch sie lese ich als Metapher für den Lebenskreis.

Aus unserem Gespräch sind zwei sehr interessante Konzepte ersichtlich: Integration und elitäre Kunst.

Ich beginne bei dem Begriff der elitären Kunst. Viele, die keinen Bezug zur Kunst haben, empfinden die Welt der Kunst als elitär und als Welt die ihnen nicht zugänglich ist. Man kann das so stehen lassen, denn in gewissem Sinne haben diese Leute nicht unrecht. Ich allerdings möchte die Integration fördern, es interessiert mich, die Leute für die Kunst zu begeistern, darum suche ich nach immer neuen Möglichkeiten, Türen und Fenster zur Welt der Kunst zu öffnen. Natürlich ist der internationale Kunstmarkt elitär, doch dieser hat nichts mit der Realität in einem Spital zu tun. Denn hier geht es um Kunst als einen Teil der Kultur, die von etwas, das zum Menschen gehört. Meine Rolle als Kunstbeauftragte erlaubt es mir, mich selbst zur Integrationsfigur für die Kunst zu machen. Ich möchte den Leuten Möglichkeiten erschliessen, sich der Kunst zu nähern, natürlich immer unter Berücksichtigung des Hintergrundes der Adressaten, sei es das Alter, das Bildungsniveau, die Sprache oder die Herkunftskultur. Darum schlage ich ein breitgefächertes Kulturprogramm vor, einmal intellektuell und herausfordernd, dann wieder ganz auf die visuelle oder sinnliche Wahrnehmung ausgerichtet, einmal in der Zusammenarbeit mit Freiwilligen, dann wieder im persönlichen Kontakt mit den Patienten. Da gibt es so viele unterschiedliche Wege und Möglichkeiten und es macht Spass, immer wieder neue Projekte auszudenken und zu realisieren.

Wie viele Sprachen und Kulturen sind im Spital präsent?

Ende 2016 arbeiteten im KSA Personen aus rund 80 Nationen (70% hatten einen Schweizer Pass, 16% einen Deutschen und 14% einen anderen). Die Patienten und Patientinnen, die im 2017 im KSA behandelt wurden, stammten aus 164 Ländern (75% aus der Schweiz und 24% aus einem anderen Land; bei 1% war die Nationalität unbekannt).

Man muss natürlich auch die Besucherinnen und Besucher berücksichtigen. Wie reagieren diese auf die Kunst?

Es gibt sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Rückmeldungen. Hier eine schöne Geschichte von einem Freund, der während längerer Zeit täglich seine schwer kranke Frau im Spital besuchte. Er musste jeweils den immer gleichen Gang durch verschiedene Gebäude und den Park gehen. Er hangelte sich dabei von Kunstwerk zu Kunstwerk, viele davon von ihm bekannten Künstlern, und schöpfte bei jedem Werk Kraft. Er hat mir gesagt, er hätte nicht gewusst, wie er ohne die Präsenz dieser Werke diese schwere Zeit überstanden hätte.

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